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Romanisch (Rumantsch): die 4. Landessprache der Schweiz


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Heimisch in Graubünden, der grössten Ferienregion der Schweiz

Die Schweiz, im Herzen Europas, ist bekannt für ihre alpine Landschaft, kulinarische Produkte wie Käse und Schokolade, aber auch für ihre vielfältige Kultur mit den vier Landessprachen Deutsch, Französisch, Italienisch und Romanisch.

Graubünden ist der einzige der 26 Kantone der Schweiz, in welchem drei der vier Sprachen gesprochen werden. Rumantsch ist gar eine Bündner Exklusivität.

Diese einzigartige Bündner Sprachenvielfalt ist Zeugnis einer vielfältigen alpinen Region, welche grossen Wert legt auf die Bewahrung der Tradition –  ohne dabei die Augen vor der Zukunft zu verschliessen.

Das Romanische lebt in Graubünden in vielfältiger Weise: Sei es in der Kulinarik mit Capuns und Maluns, in Alltagsbegriffen wie „Allegra“ oder „A revair“, im romanischen Fernsehen (mit deutschen Untertiteln!), mit Beatles-Songs auf Rumantsch, als Mister Schweiz, bei Microsoft und Google und nicht zuletzt in der Ferienwerbung.

1.2 Regionen und Idiome
Verwendungsgebiete der fünf regionalen Schriftidiome

Das Einzugsgebiet des Romanischen in Graubünden umfasst die Regionen am Vorderrhein (Surselva), Teilgebiete am Hinterrhein (Sutselva), Sursesund das Albulatal (Surmeir), das Oberengadin sowie das Unterengadin und das Münstertal. Jede dieser Regionen besitzt ihr eigenes Idiom. Die fünf Idiome gelten als romanische Schriftsprachen. Das gesamte Spektrum aller lokalen Mundarten können diese Schriftsprachen aber bei weitem nicht einfangen. Dutzende von Ortsdialekten machen die romanische Sprachlandschaft zu einem verwirrenden Mikrokosmos. Seit 1982 existiert mit dem Rumantsch Grischun eine überregionale romanische Schriftsprache, welche 1996 zur offiziellen Verwaltungs- und Gerichtssprache des Bundes und des Kantons Graubünden erklärt wurde.

2.3 Rumantsch Grischun
Die Lia Rumantscha, die Dachvereinigung der Rätoromanen, lancierte 1982 das „Rumantsch Grischun“, eine Überbrückungssprache, welche auf den verbindenden Elementen in den verschiedenen Idiomen basiert. Überraschend schnell hat das Rumantsch Grischun an Boden gewonnen. Gesetze, Inserate und Zeitungsartikel, ja bereits sogar literarische Texte sind in der neuen romanischen Schriftsprache verfasst worden. Ob sie wirklich tief im Volk verankert werden kann, wird erst die Zukunft weisen. Zur Zeit laufen Schulversuche in Rumantsch Grischun.

Beispiele für die verschiedenen Idiome
Deutsch Surselvisch Sutselvisch Surmeirisch Puter Vallader Rumantsch Grischun
Gold aur or or or or,aur,ar aur
hart dir dir deir dür dür dir
Auge egl îl îgl ögl ögl egl
leicht lev leav lev liger leiv lev
drei treis tres treis trais trais trais
Schnee neiv nev neiv naiv naiv naiv
Rad roda roda roda rouda rouda roda
Käse caschiel caschiel caschiel chaschöl chaschöl chaschiel
Haus casa tgeasa tgesa chesa chasa chasa
Hund tgaun tgàn tgang chaun chan chaun
Bein comba tgomba tgomma chamma chomma chomma
alles tut tut tot tuot tuot tut
Form fuorma furma furma fuorma fuorma furma
Ich jeu jou ja eau eu jau


Beispiele für touristische Ausdrücke in Rumantsch Grischun

Activitats d’enviern / Winteraktivitäten Actividads da la stad / Sommeraktivitäten
ir cun patins Eislaufen ir cun velo da muntogna Mountainbiken passlung Langlauf  viandar  Wandern
scursalar Schlitteln raiver  Klettern
la mesapipa die Halfpipe far bogn  Baden
l’aissa da naiv das Snowboard far in spassegiada  Spazieren
il runal der Skilift durmir en il strom  Schlafen im Stroh

2. Kultur
2.2 Romanisches Theater
In jedem romanisch-sprachigen Gebiet werden immer wieder Theaterstücke auf romanisch aufgeführt.

Einmalig ist aber das Romanische Theaterhaus auf Burg Riom:
Origen ist rätoromanisch und heisst Ursprung, Herkunft, Schöpfung. Origen ist das erste rätoromanische Theater der Schweiz. Die Origen-Inszenierungen sind gekennzeichnet vom Experiment des sprachlichen Ausdrucks, von archaischer Klarheit und strenger Ästhetik, die dem Bauen und Leben im Alpenraum entspricht. Origen versteht sich als beredter und vitaler Botschafter einer europäischen Sprachminderheit, die die grossen europäischen Kulturräume bereichern kann und wird. Hauptspielstätte von Origen ist die Burg Riom. Die historische Festung wurde zu diesem Zweck im Winter 2005/06 in einer ersten Etappe ausgebaut. Entstanden ist einer der eigenwilligsten Theaterräume der Alpen. Am 30. Juni 2006 ist das neue Haus eröffnet worden.

Der 1967 in Savognin geborene Schriftsteller Giovanni Netzer ist der künstlerische Leiter des Theaters und inszenierte die von Gion Antoni Derungs’ Choroper „Benjamin“, welche im Sommer 2006 aufgeführt wurde.

2.3 Romanische Lieder / Bands / Filme / Videos / CD’s
Es gibt viele romanische Interpreten und Gruppen mit den verschiedensten Musikstile. Drei Beispiele dazu:

Der 1956 geborene romanische Liedermacher Linard Bardill feiert mit seinen Kinderliedern (z.B. „Was i nit weiss, weiss mini Geiss“) grosse nationale Erfolge. Nachdem er sich über Jahre auf Kinderlieder und Minnegesang konzentrierte, meldet er sich nun auch mit einem politischen (Liebes)liederprogramm zurück. http://www.bardill.ch

Im Februar 2004 hat der Romane Mario Pacchioli aus dem surselvischen Rabius bei der ersten "Musik Star" Casting-Show vom Schweizer Fernsehen SF den 2. Platz belegt und danach mit seinem romanisch- und englischsprachigen Solo-Album "Mario Pacchioli" im August die Schweizer Hitparade gestürmt. http://www.mariopacchioli.ch

Im Dezember 2004 erschien die CD "Lain fabular", ein Album mit Beatles-Songs in romanischer Sprache, realisiert unter der Federführung von Benedetto Vigne und Gioni Fry: http://www.lainfabular.ch

Auch eine romanische Übersetzung der Nationalhymne findet man im Internet: http://www.admin.ch/ch/r/schweiz/psalm/index.html
Romanische Lieder / Filme / Videos / CD‘s sind im online Katalog der Lia Rumantscha aufgeführt und bestellbar:

2.3 Bräuche
Das romanische Sprachgebiet ist reich an alten, oft sinnreichen Gebräuchen heidnischer, römischer und altchristlicher Herkunft, die noch heute in den verschiedenen Talschaften gepflegt werden.

Beispiel: Chalandamarz/Calonda mars. Volkstümliches Kinderfest im Engadin, Münster-tal, Bergell, Puschlav, Surses und Albulatal. Der Brauch wird am 1. März gefeiert. Nach römischem Kalender galt der 1. März (Calendae Martii) als Jahresanfang. An diesem Tag zieht die Schuljugend mit Schellen und Kuhglocken, teilweise mit farbenfrohen Papier-blumen geschmückt, durch die Strassen und Gassen und vertreibt mit Frühlings¬liedern den Winter. Am Abend findet der Chalandamarzball statt. Der Chalandamarz-Umzug entspricht einem Alpaufzug. Im Dicziunari Rumantsch Grischun wird dieser Brauch der uralten Grup¬pe der Lärmumzüge zugewiesen, deren ursprünglicher Sinn u. a. auch im Aufwecken der Fruchtbarkeit lag. Die wohl schönste Darstellung dieses Frühlingsfestes der Schuljugend finden wir in Selina Chönzs und Alois Carigiets Kinderbuch «Uorsin» (Schellen Ursli).

2.4 Sgraffito / Hauswandmalereien
Der Beginn des Sgraffitos im Engadin fällt in die Zeit der stärkeren Hinwendung nach Süden, nach dem Sieg der Drei Bünde über die Österreicher an der Calven 1499 und nach der Eroberung des Veltlins. Der Dreissigjährige Krieg mit seinen Zerstörungen fast aller Dörfer des Unterengadins durch Baldiron (1622) unterbrach diese Entwicklung. Nach den Schrecken dieses Krieges erhielt die Sgraffito-Dekoration von etwa der Mitte des 17. Jahrhunderts bis in die Mitte des 18. Jahrhunderts ihre höchste Blüte.
Die Wirkung der Sgraffitotechnik beruht auf der Gegenüberstellung von dunklen und hellen Partien, auf der Stilisierung einfacher Motive und auf der klaren Linienführung. Solang der Putz noch weich ist, wird der helle Kalkaufstrich weggekratzt, so dass der dunkle Verputz sichtbar wird. Die Engadinerhäuser mit ihren weiten Toren, den wohlproportionierten Fenstern und grossen Flächen rufen geradezu nach einem Schmuck mit graphischer Wirkung.

Dieses imposante Gebäude bildet den Abschluss der Häuserreihe an der aufsteigenden Gasse in Sent. Die unregelmässige Anordnung der Fenster deutet auf einen Bau aus dem 17. Jahrhundert hin.1972 wurde der Wohnteil des Doppelhauses neu verputzt und mit neuzeitlichen, vorher nicht vorhandenen Sgraffitomalereien versehen.

2.6 Bündner Spezialitäten / Bier aus Tschlin und Flims

Von der Tuorta da nusch (Nusstorte) über Tuorta da flem (Flimsertorte) bis zu den diversen Bündner Birnbrote findet man im romanischen Teil Graubündens unzählige Spezialitäten.Backzeit:

Eine Besonderheit ist z.B. auch das Bier Biera Engiadinaisa aus Tschlin oder jene Biersorten aus Flims, deren Namen alte romanische Münzen bezeichnen, die bei vielen Rätoromanen noch heute im Wortschatz vorhanden sind: Marenghin (roman. Goldvreneli), Rensch (Pendant zum heutigen Franken), Blutzcher (entspricht etwa einem Rappen:

6.4 Romanisch-Kurse
Die romanischen Sprachkurse und Weiterbildung sind unterteilt in:
- Sommersprachkurse (nach Idiomen unterteilt, inkl. Rumantsch Grischun)
- Erwachsenenbildung
- Sprachliche Integration
- Romanisch-Sprachkurse ausserhalb Graubünden
- Romanische und Bündner Vereine in der Schweiz
Weiter Informationen unter: http://www.liarumantscha.ch/Produkte.266.0.html?&L=1


7. Romanische Orts- und Regionennamen

Wussten Sie, …
- dass das Rätsel „Engadin“ eine wahre Knacknuss ist? Konsultationen des Bündner Namensbuches von Dr. Andrea Schorta und zweier Scuoler Sekundarlehrer sowie ein Telefongespräch mit einem Spezialisten des „Dicziunari Rumantsch Grischun“ in Chur haben folgende wahrscheinlichste Varianten ergeben:
-  „En“ könnte vom keltischen „enos“ (Wasser) stammen.
-  „Enjates“ : uralte Bezeichnung für die Bewohner des Tales.
-  könnte aber auch „Garten am Inn“ heissen (en = inn /  gadin = etwas wie garten)

- dass Razén Rhäzüns (surselvisch) heisst?
- dass das Domleschg auf romanisch (sutselvisch) Tumleastga und Heinzenberg Mantogna heisst?

8. Geschichte / Meilensteine der romanischen Sprache
15 v. Chr.: Die Römer erobern das Gebiet zwischen den Rätischen Alpen und der Donau. Bis ca. 400 n. Chr. erfährt die von ihnen in dieser Region gegründete Provinz Rätien eine intensive Romanisierung: Das Volkslatein der römischen Soldaten, Beamten und Kaufleute verschmilzt mit den hier ansässigen Sprachen zu einem Vulgärlatein rätischer Prägung, das sich durch lautliche Wandlung und sprachliche Differenzierung allmählich zum heutigen Rätoromanisch entwickelt.

500 n. Chr.: Zerfall des Römischen Reiches. In seiner grössten Ausdehnung im 5. Jahr-hundert n. Chr. umfasst die Rätoromania ein Gebiet von der oberen Donau bis zur Adria.

5. – 10. Jh.: Die Germanisierung geht vorerst langsam vor sich. Andere deutschsprachige Gruppen (Alemannen, Bajuwaren) dringen nach Nordostitalien vor und teilen das Bündner-romanische, Dolomitenladinische und Friaulische in drei voneinander getrennte Sprachgebiete.
9./10. Jh.: Das romanische Sprachgebiet untersteht dem deutschen König / Kaiser. Aus dieser Zeit stammt das älteste romanische Sprachdenkmal (Würzburger Schriftver¬such).
14./15. Jh.: Politische Eigenständigkeit Graubündens. Die Entwicklung vom Feudalsystem zur Demokratie in der Form eigenständiger Gemeinden und Hochgerichte und später im erweiterten lockeren Staatenbund der Drei Bünde (1471) wird eingeleitet.
15. Jh.: Nach einem Grossbrand 1464 wird Chur vollständig germanisiert. Die Romanen verlieren ihr sprachlich-kulturelles Zentrum.
16./17. Jh.: Verschriftlichung des Romanischen. Die entscheidenden Impulse für die Schaffung einer literarischen Sprache erfolgen durch die Reformation (ausgehend vom Oberengadin) und Gegenreformation sowie durch die politische Geschichte des Landes.
1794 – 1892: Bis zu diesem Zeitpunkt gilt aus praktischen Gründen das Deutsche als offizielle Sprache in den einzelnen Bünden und im Gesamtstaat der Drei Bünde. Erst die Standesversammlung von 1794 bricht mit dieser Tradition und proklamiert die Dreisprachig-keit der Dreibünderepublik. 1803 treten die Drei Bünde als Kanton Graubünden der Schweizerischen Eidgenossenschaft bei. Graubünden nimmt dem Romanischen und Italienischen gegenüber eine wohlwollende Haltung ein. Die Kantonsverfassungen von 1880 und 1892 enthalten die formelle Gewährleistung der drei Sprachen Graubündens als Landessprachen. Das bedeutet zwar die grundsätzliche Gleichstellung der drei Kantons-sprachen, in der Praxis aber wurde von staatlicher Seite im 19. Jahrhundert versucht, die Rumantschia zu germanisieren.
19. Jh.: Die verkehrstechnische Erschliessung der Bergregionen und der aufblühende Fremdenverkehr führen zu einer Gefährdung des Romanischen. Die Romanen betrachten ihre Sprache als wirtschaftliches Hindernis. Sie wird daher in Schule, Kirche und Amtsstube allmählich durch das Deutsche ersetzt. Angesichts der drohenden Gefahr rufen verschiede-ne Persönlichkeiten die Rätoromanen zur Verteidigung ihrer Sprache auf. Dies führt zur sogenannten "rätoromanische Renaissance" ein (Neubesinnung auf die Werte der romanischen Sprache).
1919: Gründung der romanischen Dachorganisation "Lia Rumantscha".
1938: Volk und Stände anerkennen das Romanische als "Nationalsprache" der Schweiz. Zwischen 1940 – 1980 findet eine zunehmende Sensibilisierung für das Romanische statt.
1982: Erarbeitung der "Richtlinien für die Gestaltung einer gesamtbündner-romanischen Schriftsprache Rumantsch Grischun".
1988: Herausgabe der Nullnummer einer romanischen Tageszeitung ("La Quotidiana")
1993/1994: Die Lia Rumantscha gibt 1993 unter dem Titel "Pledari grond" ihre gesamte linguistische Datenbank in Buchform heraus. Ein Jahr später erscheint diese erstmals in elektronischer Form. Im April 1994 erscheint die Nullnummer der überregionalen romanischen Jugendzeitschrift „Punts“, welche sich heute gut im Markt etabliert hat.
1996: Das Schweizer Volk stimmt am 10. März der Bundesverfassung zu, der das Roma-nische zur Teilamtssprache des Bundes erhebt. 1985 hatten die Bündner Parlamen¬tarier eine Revision des Sprachenartikels beantragt. Die Regierung Graubündens be¬schliesst, die Einheitssprache Rumantsch Grischun zur offiziellen Amtssprache zu erheben. Seit De¬zem-ber 1996 publiziert die "Engadiner Post/Posta Ladina" zwei Seiten in romanischer Sprache.
1997: Am 6. Januar erscheint erstmals die romanische Tageszeitung „ La Quotidiana“. Am 18. Dezember genehmigt der Nationalrat als Zweitrat die Ratifizierung der Europäischen Sprachencharta, welche die Regional- oder Minderheitensprachen als gefährdeten Teil des europäischen Kulturerbes schützen und fördern soll. In der Schweiz sind gemäss Vorschlag des Bundesrates die italienische und die romanische Sprache vorgesehen.
2000: Ab dem Schuljahr 1999/2000 bieten verschiedene Mittelschulen eine Deutsch-Romanische Matura an. Im November beschliesst der Grosse Rat, die systematische Sammlung des Bündner Rechts nur noch in Rumantsch Grischun herauszugeben.
2003: Am 18.05. stimmt das Bündner Volk einer Totalrevision der Kantonsverfassung zu, welche ein klares Bekenntnis zur Dreisprachigkeit Graubündens ablegt.
2004: Der Bundesrat beschliesst am 28. April, auf die Verabschiedung eines eidgenössischen Sprachengesetzes zu verzichten.
2005: Romanische Lehrmittel werden nur noch in Rumantsch Grischun abgegeben.

Die Lia Rumantscha hat im Jahr 2004 eine aktualisierte informative Broschüre mit dem Titel „Romanisch Facts & Figures“ herausgegeben, inkl. einer gleichnamigen Kurzfassung dieser Informationsbroschüre. Diese Publikation ist im gesamten Umfang auch auf der Homepage der Lia Rumantscha (http://www.liarumantscha.ch) abrufbar.

@ GRF / August 2006