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Freeriding - Höhenrausch im Tiefschnee – Abwärts in Davos


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Datum: 
04.01.2009

Hoch über Davos lockt ein besonderer Abenteuerspielplatz: Unberührter Pulverschnee, durch den Freerider abseits präparierter Pisten ins Tal sausen können. Lesen Sie den Grenzerfahrungsbericht eines blutigen Anfängers, der nicht nur wegen der Minusgrade kalte Füße bekam.

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Das Thermometer am Gipfel des Jakobshorns zeigt minus sieben Grad. Es schneit ein wenig hier oben auf knapp 2600 Metern, die Sicht ist wechselhaft. Ein gewöhnlicher Wintertag in der Graubündener Bergwelt, möchte man meinen. Im Radio sprechen sie von „besten Skibedingungen“. Und tatsächlich: Die Pisten, perfekt präpariert, machen Lust auf einen herrlich entspannten Tag im Skigebiet.

Doch es ist kein gewöhnlicher Wintertag, der mir bevorsteht. Denn ich werde nicht wie ein gewöhnlicher Tourist auf den gewalzten, mustergültig hergerichteten Abfahrten ins Tal sausen, sondern abseits der Pisten. Jawohl! Heute werde ich zum Freerider, zum Tiefschnee-Fahrer, der auf unpräparierten Hängen durchs jungfräuliche Weiß Richtung Tal brettert – eine Premiere in meinem Leben. Ich gebe zu: Ich habe durchaus kalte Füße – und das nicht allein wegen der frostigen Temperaturen hier oben.
Denn ganz ohne Risiko ist diese Art von Wintersport nicht. Schneebretter, Lawinen, unwegsames Gelände: Die Palette möglicher Gefahren beim Ausflug ins tief verschneite Gelände ist groß. Deshalb bin ich auch nicht allein unterwegs, sondern mit kompetenter Begleitung: mit Claudio Rupp, Tiefschnee-Experte und Leiter der Skischule Top Secret Snowsports. Der 29-Jährige ist ein echter Jungunternehmer, für ihn arbeiten 37 Skilehrer, die dem interessierten Publikum vor allem die unpräparierten Hänge rund um Davos zeigen, die abseits der Touristenströme liegen, also „top secret“ sind.

Claudio holt seine Bretter hervor. Auffallend breit sind sie, noch breiter als Slalom-Carver. Sie sind ein Muss im Tiefschnee, wenn man nicht vorhat zu versinken. Auch mir drückt er so ein Paar in die Hand und obendrein ein rotes, blinkendes Etwas, das aussieht wie ein zu groß geratenes Diktiergerät. Das blinkende Ding ist ein Lawinen-Verschütteten-Suchgerät. Es kann im Ernstfall mein Leben retten. Mit einer Reichweite von bis zu 40 Metern funktioniert es wie eine Art persönlicher GPS-Sender. Claudio trägt auch so ein Gerät bei sich, in seinen Rucksack steckt er noch eine Lawinenschaufel. So sollte die Grundausrüstung für jeden Skifahrer aussehen, der sich ins Gelände wagt.

Bevor es oben auf dem Jakobshorn losgeht, passieren wir eine Leuchttafel, die die zweite von fünf möglichen Gefahrenstufen anzeigt: „Mäßige Lawinengefahr.“ Das sei ein guter Wert, sagt Claudio. Ich kann trotzdem nicht behaupten, dass ich gelassen bin. Ich habe schlecht geträumt in der Nacht zuvor: Mein Unterbewusstsein hat mir eine Mischung aus den spektakulärsten Skiszenen aller James-Bond-Filme zusammengeschnitten und dazu noch eine ständig wiederkehrende Sequenz, in der ich auf meinen Skiern im Tiefschnee gegen einen Baum rase.

Am Gipfel des Jakobshorns wächst kein Baum. Das werte ich als gutes Omen. Wir schultern die Ski und stapfen einige hundert Meter einen verschneiten Wanderweg entlang. Auf einer weitläufigen Anhöhe bleiben wir stehen – und schweigen in die Stille hinein. Wir blicken in ein unberührtes Seitental, die ursprüngliche Natur vor Augen.

Das Abenteuer kann beginnen

Meine Angst schwindet, dafür wächst die Ehrfurcht. Das Abenteuer beginnt: Wir schnallen die Ski an und wagen uns hinein ins weite Feld. Claudio ist zufrieden. Der Schnee sei besser, als er erwartet hätte. Und Lawinengefahr herrsche hier nicht. Er kennt die Winde, die Temperaturen, die Schneebedingungen, die das Fahren abseits der Pisten zur Gefahr werden lassen. Auf die Sicherheitsausrüstung würde er dennoch nie verzichten. Selbst mit der größten Erfahrung kann ein Freerider ein Restrisiko nie ganz ausschließen.

Alle 20 bis 30 Meter ragt ein orangefarbener Stock aus dem Schnee. Mehr Orientierung bekommen die Geländeskifahrer nicht. Und das ist schon viel. Wir befinden uns auf der „Mühle“, einer von zwei ausgewiesenen Freeride-Hängen. Von denen gibt es nur wenige in der Davoser Bergwelt. Diese so genannte „gekennzeichnete Off-Piste-Abfahrt“ vermittelt dem Laien zumindest im Ansatz das Gefühl, dass man hier nichts Unvernünftiges tut.

Meine ersten Schwünge im unbekannten Weiß sind staksig, die Skistellung ist breit, und meine Oberschenkelmuskeln schlagen schon nach ein paar Bögen Alarm. Neidvoll schaue ich Claudio hinterher, wie er mit Leichtigkeit durch jede Geländeveränderung schwingt. Ich hingegen fühle mich wie an meinen ersten Skitagen, als ich als Fünfjähriger meinem Skilehrer Rudi im Bayerischen Wald breitbeinig hinterherfuhr.

Gott sei Dank sieht, außer Claudio, niemand meine uneleganten Bewegungen. Wir sind die Einzigen auf diesem Hang, vor uns war schon tagelang niemand hier. Das Gelände ist unberührt. Jede Spur, die ich im Tiefschnee ziehe, erfüllt mich mit kindlichem Stolz. Jetzt verstehe ich, warum Claudio nur noch abseits der Pisten unterwegs sein möchte. Freeriden hat viel mit Freiheit zu tun, erst hier in der Einsamkeit wird Skifahren zum einmaligen Naturerlebnis.

Die Bögen werden enger, die Oberschenkel heisser

Kaum wird mein Fahrstil sicherer, nähern wir uns den ersten Bäumen. Ich muss an meinen Traum denken, zumal die Hänge im Wald schmal und manche Passagen ausgesprochen steil sind. Die Bögen werden enger, die Oberschenkel heißer. Zum Glück ist das Tal fast erreicht. Die ersten Hütten kommen ins Blickfeld. In wenigen Minuten wird uns die Zivilisation zurück haben. Wir bleiben noch einmal stehen. Manchmal begegne er hier ein paar Rehen, sagt Claudio mit ruhiger Stimme. Er schwitzt nicht einmal. Ich schon. Doch ich bin glücklich: Die erste Geländeabfahrt meines Lebens ist geschafft. Sie war anstrengend, aber ein Genuss.

Der nächste Tag, die gleichen Bedingungen, aber mehr Neuschnee. Die Lawinengefahr ist auf Stufe drei – „erheblich“ – hochgesetzt worden. Unser Freeride-Berg ist diesmal das Rinerhorn, der Hausberg für die meisten Einheimischen. Hier gibt es keine Orienterungsstangen mehr wie auf dem Jakobshorn. Wer hier ins Gelände will, muss es kennen – oder sich führen lassen. Claudios Blicke wandern über die einsamen Hänge abseits der Pisten. Einige Passagen will er auf keinen Fall nehmen. Denn der Wind hat mancherorts den gesamten Neuschnee weggeblasen, so dass sogar große Felsblöcke aus dem Boden ragen. Die ganz steilen Hänge kommen heute auch nicht in Frage.

Claudio ist schon öfter in kleinere Lawinen hineingeraten und ist ihnen jedes Mal entkommen. Offen spricht der ehemalige Wettkampf-Freerider darüber, dass er auch selbst einmal ein Schneebrett losgetreten hat. Niemand sei dabei zu Schaden gekommen, aber das Erlebnis habe sein Sicherheitsbedürfnis entschieden geprägt. Seit einigen Jahren engagiert Claudio sich bei der Davoser Bergwacht. Immer wieder muss er Lawinenopfer bergen. Die wenigsten Verschütteten überleben. Wer länger als 15 Minuten in den Schneemassen vergraben sei, habe kaum mehr eine Chance zu überleben, sagt Claudio.

Im Slalom um die Tannen

Wir suchen uns eine windstille Seite am Berg. Der Schnee ist weicher und tiefer als tags zuvor, das Gelände noch variantenreicher, und Claudio wedelt mir ein ums andere Mal davon. Wir fahren Slalom um Tannen, lassen die Ski in kleinen Schluchten laufen und halten schweigend inne, wenn meine Beine eine Pause benötigen.

Claudio fährt stets vorneweg. Als wir in einer schmalen Schneise im Wald in kurzen Bögen talwärts fahren, verlasse ich für einen Moment seine Spur und fahre zu weit links. Ich übersehe eine abfallende Klippe und stürze kopfüber gefühlte drei Meter in eine Mulde. Der Pulverschnee fängt mein Gesicht butterweich auf. Beim Aufprall lösen sich die Ski – ich bleibe unverletzt. Die Klippe war zwar, wie ich jetzt sehe, nur 1,50 Meter hoch, doch der Schock sitzt trotzdem. Eine unkonzentrierte Sekunde kann böse Folgen haben.

Eine stabile Kondition ist neben akzeptablen Skikünsten die Grundvoraussetzung für das Fahren im Gelände. Und ich muss während meiner ersten Freeride-Touren schmerzhaft lernen, dass meine Kräfte begrenzt sind. Zwei bis drei Talabfahrten schaffe ich abseits der Piste an einem Tag, mehr nicht. Claudio nickt zustimmend, als ich mittags im Tal in einer urigen Skihütte bei einer Kürbissuppe meine Kapitulation erkläre.

Ich habe viel gelernt beim Freeriden mit Claudio: Wie befreiend das Skifahren in der einsamen Natur sein kann, wie ernst man die Sicherheit nehmen muss – und wie wichtig es ist, die eigenen Grenzen zu erkennen. Freeriden, dieses scheinbar unbeschwerte Querfeldein-Skifahren, hat viel mehr mit Vernunft und Sorgfalt zu tun, als es auf den ersten Blick scheint. Wer das akzeptiert, darf dann aber auch umso unbeschwerter genießen.

© Welt online  l  Autor Karsten Kammholz
 

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